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Behutsame Transformation

kurzgefasst

Maßvolle Transformation statt radikale Veränderungsprozesse als Antwort auf die Krisen unserer Zeit – dafür plädiert dieser Beitrag und fordert statt disruptiver Politik behutsame Reformen, Kompromissbereitschaft, Vertrauen in Institutionen und den Mittelstand sowie eine flexible Stabilität. Ziel ist eine resiliente Gesellschaft, die Wandel gestaltet, ohne Bewährtes zu zerstören – im Geist der Sozialen Marktwirtschaft als Friedens- und Ausgleichsprojekt.


Die Lage spitzt sich zu. Werden wir den Klimawandel meistern oder zerbricht die schon jetzt fragile ökologische Balance vollständig – mit katastrophalen Folgen für Natur und Menschheit? Verändert die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz unsere Arbeits- und Lebenswelt derartig, dass jahrhundertealte Gewohnheiten und kulturelle Errungenschaften plötzlich verschwinden? Wird es in 50 Jahren noch Erwerbsarbeit, wie wir sie heute kennen, geben? Wird der demografische Wandel über kurz oder lang die sozialen Sicherungssysteme wegfegen, wie sie über Jahrzehnte auf- und ausgebaut wurden? Werden das Zeitalter des Westens und die lange Zeit für unerschütterlich gehaltene, aber mittlerweile ziemlich erschütterte, Pax Americana durch den Aufstieg Chinas und durch einen überlegenen, nun staatlich gesteuerten Kapitalismus abgelöst? Und werden Populismus und Radikalismus unsere robust geglaubten Demokratien, aber auch unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort sprengen? Wir leben in einer Zeit multipler Krisen und drohender Kipppunkte, auch Tipping Points genannt. Diese bezeichnen Situationen, in denen sich der Zustand eines Systems innerhalb kurzer Zeit radikal und oft auf Dauer ändert. Besonders augenscheinlich ist dies beim Klimawandel. Die Erderwärmung bedeutet nicht nur einen allmählichen Anstieg von Durchschnittstemperaturen, sondern man muss damit rechnen, dass es an bestimmten Punkten – Kipppunkten – zu abrupten Änderungen kommen kann. So könnte beispielsweise das derzeit beobachtbare Schmelzen des Grönländischen Eisschildes einen schnellen und massiven Anstieg des Meeresspiegels auslösen oder die Versteppung des Amazonas-Regenwaldes die weltweite CO2-Konzentration hochschnellen lassen. Der genaue Zeitpunkt eines Kippmoments ist schwer zu bestimmen, aber zumeist lassen sich tiefgreifende Umbrüche bereits im Vorfeld erahnen, wenn die Änderungen in einem ökologischen System sich selbst verstärken und immer rascher vonstattengehen. Die permanente Sichtbarkeit und mediale Dauerpräsenz drohender Kippmomente – ökologisch, technisch, gesellschaftlich – wird verstärkt durch die existenziellen Nöte, die uns die unübersichtliche geopolitische und geoökonomische Situation aufdrängt. Zerbricht die Weltordnung, zerbricht der Welthandel? Nur der radikale Wandel, nur grundlegende, radikale Transformationsprozesse, so scheint es, können uns wieder in ruhigere Fahrwasser bringen. Muss der gordische Knoten der multiplen Krisen mit einem kühnen Schlag durchtrennt werden? 

„Statt radikale Transformationen anzumahnen, sollten wir Wege beschreiten, die auch realistischerweise beschreitbar sind.“ 

Im Folgenden möchte ich dieser – weithin geteilten und auch medial befeuerten – radikalen Logik entgegentreten. Die Transformation, die wir brauchen, muss behutsam sein (vgl. Goldschmidt & Wolf, 2021; Nassehi, 2024). Ich möchte das in fünf Schritten erläutern. 

Radikale Probleme brauchen keine radikalen Lösungen 

Der Zusammenhang „Radikales Problem – radikale Lösung“ findet sich in der politischen Rhetorik häufig. Brauchen wir ein anderes, alternatives Wirtschaftssystem? Brauchen wir eine Postwachstumsökonomik? Ich glaube, das führt auf die falsche Fährte. Statt radikale Transformationen anzumahnen, sollten wir Wege beschreiten, die auch realistischerweise beschreitbar sind. In der Debatte um eine aktive Klimapolitik wird vielfach auf die Einführung eines CO2-Preises verwiesen. Ich halte dieses Mittel für absolut sinnvoll und angemessen, wohl wissend, dass nur ein vergleichsweise hoher Preis in der Lage sein wird, die nötigen Änderungen in der Gesellschaft voranzutreiben. Wenn Preissignale stark genug sind – und Preise sind nichts anderes als Anreizsignale –, wird dies auch zu grundlegenden Änderungen bei der Infrastruktur und beim Konsumverhalten im Sinne der ökologischen Transformation führen. Aber es schränkt die Freiheit nicht ein. Es ist kein radikaler Systemwechsel, sondern es obliegt der freien Entscheidung von Bürgerinnen und Bürgern und Konsumentinnen und Konsumenten, wie genau sie sich im Einklang mit ihren eigenen Wünschen und Zielen mit den neuen Preissignalen arrangieren. Um konkret zu werden: Ein CO2-Preis in Höhe von 180 Euro pro Tonne, wie er verschiedentlich vorgeschlagen wurde, dürfte sicherlich einen wirkungsvollen Anreiz zum Klimaschutz darstellen. Klar ist jedoch auch: Eine derart hohe CO2-Steuer würde insbesondere niedrigere Einkommensgruppen hart treffen. Nach unseren Schätzungen – Stephan Wolf und ich haben dazu eine Studie vorgelegt (Wolf & Goldschmidt, 2019) – würde ein CO2-Preis von 180 Euro die zehn Prozent der ärmsten Haushalte im Durchschnitt mit gut 600 Euro Mehrkosten pro Jahr belasten. Eine Mehrbelastung von 600 Euro entspräche 7,5 Prozent des verfügbaren Einkommens. 

„Eine Politik der Behutsamkeit baut Vertrauen in unsere Institutionen auf und schafft auf diese Weise ein investitionsfreudiges und gesellschaftlich ausgewogenes Umfeld.“

Um die beiden miteinander verwobenen Ziele Klimaschutz und Verteilungsgerechtigkeit in Einklang zu bringen, schlagen wir eine Lösung vor, die sich an der ‚Schweizer Lösung‘ orientiert. Auf fossile Energieträger, die zum Heizen verwendet werden, erheben die Eidgenossen seit 2008 eine CO2-Steuer, die derzeit bei 120 Franken pro Tonne liegt. Die Steuereinnahmen werden zu einem Drittel in Energiespar- und Sanierungsprojekte investiert, der Großteil von zwei Dritteln wird als Pauschale an alle Bürgerinnen und Bürger sowie Arbeitgeber zurückerstattet. Der Effekt: Wer weniger als zwei Drittel des Durchschnittsverbrauchs aufweist, stellt sich durch dieses Instrument finanziell besser. In unserem Vorschlag konzentriert sich die Erstattung auf das untere Einkommensdrittel. Nach oben hin wird abgeschmolzen, die obersten zehn Prozent erhalten nichts. Was sind die Effekte in unserem Modell? Die untersten zehn Prozent erhalten 40 Euro pro Monat an Nettoerstattung, was die Akzeptanz für diese Reform massiv erhöhen würde. Die reichsten zehn Prozent bezahlen knapp 240 Euro pro Monat, was im Durchschnitt fünf Prozent ihres Einkommens bedeutet. Der Medianhaushalt muss gut 25 Euro mehr jeden Monat entrichten. Keine radikale, sondern eine behutsame Lösung und wirksame Transformationsstrategie. 

Gefordert ist eine Politik der Behutsamkeit 

Anstelle von „Ein-für-alle-Mal-Lösungen“ und „Politiken des starken Mannes oder der starken Frau“ befürworte ich eine Politik der Behutsamkeit, um so Vertrauen in unsere Institutionen aufzubauen und sie zu stärken. Auf diese Weise kann ein investitionsfreudiges und gesellschaftlich ausgewogenes Umfeld geschaffen werden. In dem lesenswerten Beststeller der beiden Harvardprofessoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt „Wie Demokratien sterben“ kommen sie mit Blick auf die USA auf folgende einfache, aber schwer umsetzbare Formel, die wohl so auch auf Deutschland angewendet werden kann: „Wann immer die amerikanische Demokratie funktionierte, hat sie sich auf zwei Normen gestützt, die man lange für selbstverständlich gehalten hat – gegenseitige Achtung und institutionelle Zurückhaltung.“ (Levitsky & Ziblatt, S. 249) Schauen wir auf ein konkretes Beispiel: Der drohende Kipppunkt für die gesetzliche Rentenversicherung ist aufgrund des demografischen Wandels mittlerweile den meisten bewusst: Die ‚Babyboomer‘, also die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1953 und 1975, treten – mit immer größeren Kohorten – in das Rentenalter ein. In etwa zehn Jahren erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt, 2042 wird sich der letzte Jahrgang der ‚Babyboomer‘ in den Ruhestand verabschieden. Neben diesem Effekt setzen die bislang ungebrochen steigende Lebenserwartung und die anhaltend niedrige Geburtenrate das Rentensystem weiter unter Druck. Um dieser Tendenz entgegenzusteuern, gibt es zahllose Vorschläge, aber letztlich nur einen Ausweg: Das Renteneintrittsalter muss steigen. Hier könnte eine Zwei-zu-eins-Aufteilung helfen (Börsch-Supan, 2017). 

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftlicher Erfolg müssen zusammengedacht werden.“

Bei drei Jahren mehr Lebenserwartung sollten davon zwei gearbeitet und ein Jahr mehr Rente bezogen werden. Ein aus meiner Sicht überzeugendes und wohl auch gerechtes Vorgehen; es betrifft alle, es ist von politischer Willkür entkoppelt, es ist unabhängig von anderen Regelungen (z. B. ‚Frühverrentung‘) und es be- oder entlastet jetzige und kommende Generationen in symmetrischer Weise. Bei einer durchschnittlichen Rentenbezugsdauer von mehr als 20 Jahren derzeit hat sich dieser Zeitraum im Vergleich zu den 1960er-Jahren verdoppelt. Auch vor diesem Faktum ist es vergleichsweise grotesk, sich einer behutsamen und ‚atmenden‘ Dynamisierung des Renteneintrittsalter zu verschließen und so die Rentenversicherung erfolgreich zu transformieren. 

Kompromisse sind das Gebot der Stunde 

Der US-amerikanische Philosoph Martin Benjamin beschrieb, aus meiner Sicht zutreffend, den Kompromiss als „splitting the difference“ (Benjamin, 1990), im Sinne von – nicht geometrisch verstanden – „sich auf halbem Wege treffen“. Aber sie bedeuten auch Akzeptanz und gegenseitige Anerkennung. Kompromisse bedeuten, auf etwas zu verzichten, weil es dem Miteinander dient – und zwar dem friedvollen. Man ist bereit, sich auf den anderen oder die andere als je anderen oder je andere einzulassen. Man ist bereit, die andere Person, ihre Position, auch ihre Andersartigkeit zu akzeptieren. Man geht auf den anderen zu, streckt die Hand aus. Man muss im Prozess der Kompromissfindung klarlegen, warum man eine bestimmte Position einnimmt. Kompromisse sind nicht selbsterklärend. Kompromisse sind auf diese Weise Rückkopplungsprozesse, die auf Dialog angelegt sind – und zwar auf einen ergebnisoffenen. Nur wenn wir Menschen treffen und uns mit anderen auseinandersetzen, bleiben wir im Gespräch. Das ist in den letzten Jahren, auch durch soziale Medien, schwieriger geworden. Aber nur durch die Begegnung mit anderen, die auch anders sind, lernen wir, dass andere Menschen andere Meinungen haben. Und dass andere auch nur Menschen sind. Der amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg hat schon Ende der 1980er-Jahre von „dritten Orten“ gesprochen, die weder der Arbeitsplatz noch das Zuhause sind. An solchen Orten – dem Sportverein, dem Café oder beim gemeinsamen Urban Gardening – trifft man sich auf ‚neutralem‘ Boden, man kommt ins Gespräch, es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre, man lernt die Denkweise anderer kennen, man übt sich in Kompromissen und Toleranz – Grundpfeiler der Demokratie. 

„Kompromisse bedeuten auf etwas zu verzichten, weil es dem Miteinander dient – und zwar dem friedvollen.“

In einem jüngst abgeschlossenen Projekt haben wir (Goldschmidt u. a. 2025) uns mit dem Verhältnis von gesellschaftlichem Zusammenhalt und wirtschaftlicher Entwicklung beschäftigt. Wie wir empirisch anhand der Daten für 171 Länder zeigen konnten, sind beide Faktoren eng miteinander korreliert, es besteht ein klarer Zusammenhang. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftlicher Erfolg müssen zusammengedacht werden. Die Ergebnisse der Studie deuten auch darauf hin, dass zunächst das Zusammenspiel verschiedener inklusiver Institutionen gelingen muss, bevor es sichtbare Effekte auf die Wirtschaftsleistung gibt. 

Vertraut den vielen, nicht den großen Unternehmen! 

„Move fast and break things“ war lange das von Mark Zuckerberg ausgegebene Mantra des Facebook-Konzerns und dient seitdem als Beschreibung der politischen Ideologie des Silicon Valley. Disruption als Motor des Fortschritts, mittlerweile scheinbar auch der Politik. Es sind nicht die Schultern vorangegangener Generationen, die unsere Möglichkeiten determinieren und ermöglichen. Ganz im Gegenteil, diese werden als hinderliche Barrieren der alten Welt angesehen, von denen es sich loszusagen gilt, um die Menschheit auf eine neue Stufe des Fortschritts zu erheben. Die gesellschaftlichen Probleme durch die Geschäftspraktiken der Silicon Valley-Größen werden mittlerweile von den europäischen Gesetzgebern stärker ins Visier genommen. Der Digital Markets Act und Digital Service Act der Europäischen Union sind erste Versuche der Regulierung digitaler Konzerne. Vor allem aber sind sie ein Zeichen, dass die Regeln der analogen Welt auch für die digitale Welt gelten und erstere nicht durch die schnelle Entwicklung der zweiten an Bedeutung verliert oder gar „gebrochen“ wird – zumindest noch. Das Wettern gegenüber Europa aus den USA, was wir derzeit erleben, hat genau auch darin seinen Grund. Auch für unser demokratisches Miteinander ist eine ausgewogene Unternehmenslandschaft zentral: Eine kleinteilige Unternehmensstruktur und eine Vielzahl von mittelständischen Unternehmen lassen viel mehr individuelle Freiräume und sind lebendige Orte des sozialen Austauschs. Folgt man einer empirischen Studie des schweizerischen Zentrums für Demokratie Aarau (Bousbah & Kübler, 2016), dann spielen kleine und mittlere Unternehmen eine wichtige Rolle bei der Herausbildung und Stabilisierung demokratischer Strukturen. Als Erklärung gibt die Studie zwei wesentliche Faktoren an: Anders als Großunternehmen können kleinere Unternehmen weniger rent-seeking betreiben, also den Versuch von Unternehmen oder Interessengruppen, sich ohne eine entsprechende produktive Leistung Vorteile im Wettbewerb durch das politische System zu verschaffen. Die Bäckerei an der Ecke wird in Berlin kaum Gehör finden, anders vermutlich als ein DAX-Unternehmen. Mittelständische Unternehmen sind entsprechend auf rechtsstaatliche Strukturen und demokratische Prozesse angewiesen, um erfolgreich am Markt zu bestehen. Plausibel klingt auch das folgende Argument: Dadurch, dass in kleineren Unternehmen die soziale Verflechtung unter den Mitarbeitenden stärker ausgeprägt ist (weil man sich untereinander kennt), die verschiedenen Ebenen im Betrieb zudem für die Angestellten transparenter und nahbarer sind, wird eher Sozialkapital, im Sinne von Vertrauen, Normen und Netzwerken, aufgebaut, das das gemeinsame Handeln erleichtert – analog zu demokratischen Prozessen. In ähnlicher Weise argumentiert eine Studie (2020) meiner Siegener Kollegin Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn. Es spricht empirisch viel dafür, so Welter, dass vor allem Familienunternehmen eine besondere Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden zugesprochen wird, oft ihre Verpflichtung gegenüber der Region ausgeprägt ist und sie auf diese Weise einen Vertrauensvorschuss im Vergleich zu managergeführten Unternehmen oder Kapitalgesellschaften besitzen. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen tragen auf diese Weise dazu bei, Unsicherheiten und Ängste von Menschen abzubauen, indem sie Verbindlichkeit und Verlässlichkeit signalisieren. Und in der Tat zeigen Untersuchungen, dass kleinere Unternehmen ein hohes Maß an gesellschaftlichem Engagement verfolgen, gerade auch in der Region. Es ist wohl nicht vermessen zu behaupten, dass kleine und mittlere Unternehmen häufig soziale und damit auch demokratische Lernorte sind. 

„Es sind eher die vielen Fortschritte, nicht der Fortschritt, die eine Volkswirtschaft und unternehmerisches Handeln in der Breite erfolgreich machen.“

Was lehren uns diese Überlegungen zum Mittelstand? Nun, vielleicht sollte man drohenden Kippmomenten im globalen Wettbewerb weniger dadurch begegnen, dass man mit Schrecken auf die Länder schaut, die sich auf den Weg der nachholenden Entwicklung machen und denen man neben der ökonomischen auch eine politisch freiheitliche Zukunft wünscht. Man sollte sich vielmehr selbstbewusst darauf besinnen, dass stabile, oder besser: resiliente Strukturen offensichtlich auf kleinteiligen Einheiten und einer Vielzahl von Akteuren beruhen – häufig gepaart mit einem ernsten Willen zur gesellschaftlichen Verantwortung. Entsprechend werden die Wertschätzung und Förderung von kreativen und regional verwurzelten Unternehmen mehr bewirken als großspurige Industriestrategien. Es sind aus meiner Sicht eher die kleinen Schritte, die vielen Ideen, nicht der Fortschritt, sondern die vielen Fortschritte, die eine Volkswirtschaft und unternehmerisches Handeln in der Breite erfolgreich machen. 

Um Stabilität zu erreichen, muss man flexibel bleiben 

In den Wirtschaftswissenschaften gibt es die Idee des Second-Best, den Gedanken der zweitbesten Lösung. Dabei geht es um die generelle Einsicht, dass Wirtschaftspolitik keine zeit- und kulturabhängige Blaupause sein kann, sondern je nach den spezifischen Bedingungslagen unterschiedlich und behutsam gestaltet werden muss. Ändern sich die Bedingungen – und das erleben wir gerade massiv – müssen sich auch unsere wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen transformieren, ohne dass wir den Kern und die Substanz des bisher Erreichten aufgeben. Anstatt in idealen, zeitlosen Gleichgewichtszuständen zu denken, ist es zielführender, wenn wir die Bedingungen im Umfeld im Blick behalten, wir lernen ihre Bedeutung zu gewichten und unsere Welt dynamisch zu interpretieren. Das ist eine zentrale Lehre aus den multiplen Krisen unserer Zeit und die dafür erforderlichen Transformationsprozesse. Schauen wir zurück: Die Etablierung der Sozialen Marktwirtschaft war ein solcher erforderlicher Transformationsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg. Für den Schöpfer des Begriffs, Alfred Müller-Armack, war sie immer auch eine „irenische Formel“ – eine vom griechischen Wort für Frieden abgeleitete Formulierung. Müller-Armack war der festen Überzeugung, dass der Ausgleich von widerstreitenden sozioökonomischen Interessen wie auch von unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Vorstellungen eine notwendige Voraussetzung für den materiellen, politischen und moralischen Wiederaufbau – für die gesellschaftliche Transformation – sein würde. Es ging ihm dabei nicht um die Einebnung unterschiedlicher Positionen, sondern um die moderate, behutsame Zusammenführung von gegenläufigen Standpunkten – Kompromisse. Diese irenische Formel war für viele Jahre erfolgreich. Wir sind heute in einer anderen Lage und stehen vor neuen, massiven Herausforderungen. Dass wir aber versuchen müssen, jede und jeden Einzelnen auf dem Weg hin zu einer modernen und resilienten Gesellschaft mitzunehmen, muss das fortdauernde politische und zivilgesellschaftliche Anliegen in einer Phase massiver Transformationen bleiben. Das gelingt nur behutsam, nicht radikal. Ich bin davon überzeugt, dass die Soziale Marktwirtschaft ein sinnvolles und sinnstiftendes Projekt auch für das 21. Jahrhundert ist und viele Überlegungen für eine gelingende Zukunft mit einer menschlich geerdeten Wirtschafts- und Sozialordnung zusammenpassen – jenseits fataler Kipppunkte. Die Soziale Marktwirtschaft ist ein Friedensprojekt, das auf Kompromisse und Behutsamkeit aufbaut – aus meiner Sicht die beiden besten Ratgeber für erfolgreiche Transformationsprozesse und zur Vermeidung von Krisen. 

Dieser Beitrag ist veröffentlicht unter der Lizenz CC BY 4.0. Er ist digital auffindbar unter: DOI https://doi.org/10.46499/2733.3781 

Literatur

  • Benjamin, M. (1990). Splitting the Difference. Compromise and Integrity in Ethics and Politics. Lawrence, Kansas.
  • Borsch-Supan, A. (2017). Eine Regel für die Rente. Samstagsessay. In: Suddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 1./2. Juli 2017. 
  • Bousbah, K. & Kubler, D. (2016). Der Einfluss des mittelständischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells auf die Herausbildung und Festigung demokratischer Strukturen. Studienberichte des Zentrums für Demokratie Aarau, Nr. 7, Aarau. Online: https://zdaarau.ch/wp-content/uploads/Studienbericht_ZDA_07_Mittelstand.pdf (abgerufen am: 08.02.2026). 
  • Goldschmidt, N. & Kolev, S. (2023). 75 Jahre Soziale Marktwirtschaft in 7,5 Kapiteln. Freiburg. 
  • Goldschmidt, N. & Wolf, S. (2021). Gekippt – Was wir tun können, wenn Systeme außer Kontrolle geraten. Freiburg.
  • Goldschmidt, N., May, M., Bolin Simon, T., Enste, D. (2025). Wie Gesellschaften gelingen. Warum wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Zusammenhalt Gerechtigkeit befördern. RHI-Studie 42, München. Online: https://www.romanherzoginstitut.de/publikationen/wie-gesellschaften-gelingen/ (abgerufen am: 08.02.26). 
  • Levitsky, S.& Ziblatt, D. (2019). Wie Demokratien sterben. München. Nassehi, A. (2024). Kritik der großen Geste. Anders über gesellschaftliche Transformation nachdenken. München. 
  • Welter, F. et al. (2020). Der gesellschaftliche Beitrag des Mittelstands. Konzeptionelle Überlegungen. IfM-Materialien Nr. 283, Bonn. 
  • Wolf, S. & Goldschmidt, N. (2019). Klimaschutz auf Kosten der Armen? Vorschläge für eine markt- und sozialverträgliche Umsetzung von CO2-Steuern und des Emissionshandels. In: ORDO, 70, S. 125–165. 
  • Zanetti, V. (2022). Spielarten des Kompromisses. Eine philosophische Reise durch die Welt der Kompromisse. Berlin.

Autor

Prof. Dr. Nils Goldschmidt ist Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen und Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung an ­der Universität Siegen. Er ist derzeit stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung. Seit Oktober 2024 gehört er dem Deutschen Ethikrat an.