Was bedeutet Gerechtigkeit für junge Menschen in Deutschland? Und wie bewerten sie die Chancen ihrer Generation? Der Beitrag zeigt, welche Werte junge Menschen prägen, wie sie ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Perspektiven einschätzen und wo sie Ungerechtigkeiten wahrnehmen. Dabei wird deutlich: Die junge Generation denkt keineswegs einheitlich. Ihre unterschiedlichen Sichtweisen liefern wichtige Impulse für Politik und Bildung.
Was ist fair – und für wen?
Wie junge Menschen in Deutschland über Verteilungsgerechtigkeit denken
kurzgefasst
Die Frage, was als gerechte Verteilung von Chancen, Einkommen und Wohlstand gilt, beschäftigt moderne Gesellschaften mehr denn je. Angesichts wachsender sozialer Ungleichheit, wirtschaftlicher Unsicherheiten und tiefgreifender Veränderungen durch demografischen Wandel, Digitalisierung, Deglobalisierung und Dekarbonisierung (Aprea & Loerwald, 2026) gewinnen Debatten über Verteilungsgerechtigkeit zunehmend an Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Fragen: Wer gesellschaftliche Verhältnisse als ungerecht empfindet, verliert häufig Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Entscheidungsprozesse. Die Akzeptanz politischer Maßnahmen hängt daher wesentlich davon ab, ob sie von den Bürgerinnen und Bürgern als gerecht wahrgenommen werden.
Jungen Menschen kommt in diesem Kontext eine besondere Bedeutung zu. Als zukünftige gesellschaftliche Akteure prägen sie die langfristige Entwicklung politischer, sozialer und ökonomischer Ordnungen. Gleichzeitig wachsen sie unter veränderten Bedingungen auf: Steigende Bildungsanforderungen, unsichere Erwerbsverläufe sowie eine höhere Sensibilität für soziale und globale Ungleichheiten beeinflussen ihre Wahrnehmung von Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen (z. B. Albert et al., 2025). Zugleich sind junge Menschen aufgrund ihres vergleichsweise geringen demografischen Anteils im wirtschafts- und sozialpolitischen Diskurs oft unterrepräsentiert und verfügen über weniger politisches Gewicht als ältere Generationen, die einen größeren Anteil der Wahlbevölkerung stellen (z. B. El-Maafalani et al., 2025). Politische Entscheidungen orientieren sich daher häufig stärker an den Interessen älterer Bevölkerungsgruppen. Obwohl junge Menschen langfristig besonders von heutigen Verteilungsentscheidungen betroffen sind, finden ihre Perspektiven im öffentlichen Diskurs nicht immer gleichermaßen Gehör.
„Wer gesellschaftliche Verhältnisse als ungerecht empfindet, verliert häufig Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Entscheidungsprozesse.“
Der vorliegende Beitrag setzt genau hier an und nimmt die Gerechtigkeitsvorstellungen und -wahrnehmungen junger Menschen in Deutschland in den Blick. Auf Basis grundlegender Gerechtigkeitsprinzipien (siehe folgenden Abschnitt) sowie der Daten des Young Economy Tracker (siehe Infokasten Seite 38) untersuchen wir, welche Verteilungsprinzipien – Leistung, Bedarf oder Gleichheit – für junge Menschen besonders wichtig sind und wie sie die Generationengerechtigkeit in Deutschland einschätzen. Zudem wird analysiert, ob sich diese Prioritäten und Einschätzungen zwischen verschiedenen Gruppen junger Menschen unterscheiden und welche Rolle soziodemografische und sozioökonomische Merkmale sowie politische Einstellungen dabei spielen. Abschließend wird ein kurzes Fazit gezogen und die Bedeutung der Ergebnisse für Politik und Bildung diskutiert.
Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit
In der sozialwissenschaftlichen Forschung gibt es keine einheitliche Vorstellung von Gerechtigkeit. Stattdessen werden unterschiedliche normative Konzepte diskutiert, die jeweils eigene Maßstäbe für eine faire Verteilung setzen. Dazu zählen vor allem drei Grundprinzipien: Leistung, Gleichheit und Bedarf (vgl. Liebig et al., 2016).
Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit beruht auf der Idee, dass Menschen entsprechend ihrer individuellen Leistung belohnt werden sollten. Wer mehr oder härter arbeitet, höhere Qualifikationen besitzt oder mehr Verantwortung übernimmt, soll demnach auch ein höheres Einkommen oder mehr gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Leistung gilt dabei häufig als Grundlage von Fairness und als Anreiz für gesellschaftliche Motivation. Besonders in marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften hat dieses Prinzip großes Gewicht, da es eng mit Vorstellungen von Eigenverantwortung und Wettbewerb verbunden ist (Hillmert, 2024).
Demgegenüber steht das Gleichheitsprinzip, das auf möglichst gleiche Lebensbedingungen und Chancen für alle Menschen abzielt. Ungleichheiten gelten hier nur dann als legitim, wenn sie gering sind oder allen zugutekommen. Philosophisch wurde diese Perspektive vor allem durch John Rawls geprägt, der soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten nur dann als gerechtfertigt ansah, wenn sie den am schlechtesten Gestellten zugutekommen (Rawls, 1971). Das Gleichheitsprinzip spielt besonders in Debatten über Bildung, soziale Teilhabe und Vermögensverteilung eine zentrale Rolle. In Wohlfahrtsstaaten wird zudem häufig erwartet, dass der Staat soziale Unterschiede zumindest teilweise ausgleicht (Esping-Andersen, 1990).
„Als zukünftige gesellschaftliche Akteure prägen junge Menschen die langfristige Entwicklung politischer, sozialer und ökonomischer Ordnungen.“
Ein drittes zentrales Prinzip ist das Bedarfsprinzip. Es sieht vor, Ressourcen vor allem nach individuellen Bedürfnissen zu verteilen. Menschen mit Krankheit, im Alter, bei Arbeitslosigkeit oder besonderen familiären Belastungen sollen stärker unterstützt werden als andere. Im Mittelpunkt steht dabei die Sicherung menschenwürdiger Lebensbedingungen, nicht Leistung oder Gleichheit. Das Bedarfsprinzip bildet eine wichtige Grundlage sozialstaatlicher Systeme, etwa im Gesundheitswesen und in der sozialen Sicherung. Es knüpft an solidarische Vorstellungen gesellschaftlicher Verantwortung an und gewinnt besonders in Krisenzeiten an Bedeutung (z. B. Traub & Kittel, 2020).
Die Generationengerechtigkeit ergänzt die drei genannten Gerechtigkeitsprinzipien um eine zeitliche Dimension. Sie fordert, dass künftige Generationen mindestens die gleichen Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse haben wie die heutige. Damit bezieht sie nicht nur das Verhältnis zwischen Jüngeren und Älteren ein, sondern auch die Interessen noch nicht geborener Menschen (Tremmel, 2024). Im aktuellen Diskurs gewinnt dieses Konzept an Bedeutung, da Herausforderungen wie Klimawandel, demografischer Wandel oder Staatsverschuldung zunehmend als Konflikte zwischen heutigen und zukünftigen Interessen verstanden werden. Wie einleitend beschrieben, sind diese im politischen System jedoch nur begrenzt vertreten. Mit dem Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts von 2021 hat Generationengerechtigkeit zudem eine verfassungsrechtliche Dimension erhalten (BVerfG, 2021).
Empirische Befunde zu Gerechtigkeitsvorstellungen und -wahrnehmungen junger Menschen
Zur Erfassung der Gerechtigkeitsvorstellungen junger Menschen wurden 1.507 Personen im Alter von 16 bis 25 Jahren (siehe Infokasten Seite 38) verschiedene Aussagen vorgelegt. Diese spiegeln die drei zuvor beschriebenen Verteilungsprinzipien sowie ausgewählte Aspekte der Generationengerechtigkeit wider. Die Befragten konnten ihre Zustimmung auf einer vierstufigen Skala ausdrücken: von „stimme voll und ganz zu“ über „stimme eher zu“ und „stimme eher nicht zu“ bis „stimme überhaupt nicht zu“.
Um herauszufinden, ob sich junge Menschen in ihren Vorstellungen unterscheiden, wurden sie in verschiedene Gruppen unterteilt – etwa nach Geschlecht, Wohnort (Ost/West) oder Alter (16–19, 20–22 und 23–25 Jahre). Zudem wurden Bildung (niedrig/mittel vs. hoch), die aktuelle Lebenssituation (Schule, Studium, Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Sonstiges), der subjektiv wahrgenommene soziale Status (niedrig, mittel, hoch) sowie die politische Einstellung herangezogen. Mithilfe statistischer Verfahren (wie t-Tests und Varianzanalysen) wurde anschließend untersucht, ob sich die Gerechtigkeitsvorstellungen dieser Gruppen tatsächlich unterscheiden oder ob die Abweichungen nur rein zufällig sind.
| Der Young Economy Tracker Der Young Economy Tracker untersucht die wirtschaftspolitischen Einstellungen junger Menschen in Deutschland (Aprea et al., 2026). Die von der Bertelsmann Stiftung finanzierte und gemeinsam mit dem Mannheim Institute for Financial Education (MIFE) durchgeführte Studie knüpft an andere Untersuchungen mit jungen Menschen an (vgl. Suna et al., 2024) und erweitert diese gezielt um die ökonomische Dimension ihrer Lebenswirklichkeiten. Dabei verfolgt der Young Economy Tracker das Ziel, die Perspektiven der jungen Generation auf wirtschafts- und gesellschaftspolitische Fragen systematisch sichtbar zu machen und damit Impulse für eine generationengerechte Politik zu geben. Besonderes Merkmal der Studie ist ihr partizipativer Ansatz: Ein aus jungen Menschen bestehendes Team – das Young Economy Team – war von der Themenauswahl über die Entwicklung des Fragebogens bis hin zur Interpretation der Ergebnisse eng eingebunden. Die Studie basiert auf einem Mixed-Methods-Design, das quantitative und qualitative Verfahren kombiniert. Im Rahmen einer Fragebogenerhebung wurden im Frühjahr 2025 insgesamt 1.507 Personen im Alter von 16 bis 25 Jahren in Deutschland befragt. Die Stichprobe ist nach Alter, Geschlecht, Bundesland und Bildungsabschluss repräsentativ zusammengesetzt. Der eingesetzte Fragebogen umfasst sechs Themenbereiche: die Zufriedenheit mit persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die Wahrnehmung wirtschaftlicher Herausforderungen, wirtschaftsbezogene Interessen und Kompetenzen, Einstellungen zu sozialer Gerechtigkeit und zum Wirtschaftssystem, Positionen zu zentralen wirtschaftspolitischen Fragen – etwa zur Verteilungs-, Wohnungs- oder Rentenpolitik – sowie persönliche und gesellschaftliche Zukunftserwartungen. Ergänzend dazu wurden vier Fokusgruppendiskussionen mit jeweils fünf bis sieben Teilnehmenden durchgeführt. Sie dienten dazu, ausgewählte quantitative Ergebnisse vertiefend zu diskutieren und zusätzliche Einblicke in die wirtschaftsbezogenen Sichtweisen junger Menschen zu gewinnen. Die vollständige Studie ist unter www.t1p.de/youngeconomytracker abrufbar. |
Wie Abbildung 1 zeigt, stößt vor allem das Bedarfsprinzip auf breite Zustimmung: Mehr als neun von zehn Befragten unterstützen die entsprechenden Aussagen ganz oder eher. Besonders wichtig ist vielen, dass Menschen in belastenden oder schwierigen Lebenslagen Unterstützung erhalten. Auch die Aussagen zum Leistungsprinzip werden überwiegend positiv bewertet. Die meisten Befragten finden, dass harte Arbeit belohnt werden und sich Leistung finanziell auszahlen sollte. Deutlich umstrittener ist allerdings die Ansicht, dass jede Person ausschließlich das erhalten sollte, was sie selbst erarbeitet hat. Hier stimmte nur etwas mehr als die Hälfte zu. Ein noch ambivalenteres Bild ergibt sich beim Gleichheitsprinzip. Während nahezu alle Befragten gleiche Startchancen befürworten, unterstützen nur rund zwei Drittel gleiche Lebensbedingungen. Am wenigsten Zustimmung erhält die Vorstellung, dass Einkommen und Vermögen in einer gerechten Gesellschaft für alle gleich sein sollten.
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- Junge Männer befürworten das Leistungsprinzip stärker, während junge Frauen dem Bedarfs- und dem Gleichheitsprinzip mehr Bedeutung beimessen. Auch regionale Unterschiede werden sichtbar: Junge Menschen in Ostdeutschland sprechen sich häufiger für das Gleichheitsprinzip aus, insbesondere für eine möglichst gleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen. Zwischen den Altersgruppen zeigt sich zudem ein differenziertes Bild: Die 16- bis 19-Jährigen unterstützen das Leistungsprinzip am stärksten, während das Bedarfsprinzip vor allem bei den 20- bis 22-Jährigen auf Zustimmung stößt.
- Junge Menschen mit niedriger bzw. mittlerer Bildung unterstützen das Leistungs- und das Bedarfsprinzip stärker als höher Gebildete. Der subjektiv wahrgenommene soziale Status spielt dagegen keine Rolle. Studierende befürworten das Leistungsprinzip seltener als Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Berufstätige. Das Bedarfsprinzip findet vor allem bei Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden Zustimmung. Beim Gleichheitsprinzip zeigen sich hingegen keine Unterschiede zwischen den Gruppen.
- Anhänger von CDU/CSU, FDP und AfD befürworten das Leistungsprinzip deutlich stärker als Anhänger von SPD, Grünen und Linken. Das Bedarfs- und das Gleichheitsprinzip sind hingegen vor allem bei den Anhängern der Linken stark ausgeprägt, während die Zustimmung hier bei AfD-nahen Befragten am schwächsten ausfällt. Es zeigen sich aber auch zwischen SPD- und Grünen-Anhängern auf der einen sowie den Anhängern von CDU/CSU, FDP und AfD auf der anderen Seite klare Unterschiede.
Abbildung 2 gibt die Einschätzungen der Befragten zur Generationengerechtigkeit wieder, die insgesamt kritisch bewertet wird. Am positivsten wird die Aussage beurteilt, dass junge Menschen künftig bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werden als ihre Eltern. Hier stimmt etwas mehr als die Hälfte zu. Dennoch zeigt sich auch bei diesem Thema eine gewisse Skepsis. Noch pessimistischer fällt die Bewertung des zukünftigen Wohlstands aus. Nur rund ein Viertel der Befragten glaubt, dass es ihnen besser gehen wird als ihren Eltern, während 71 Prozent der Ansicht sind, dass dies eher nicht oder überhaupt nicht der Fall sein wird. Am kritischsten wird die politische Berücksichtigung junger Menschen beurteilt. Lediglich 23 Prozent stimmen der Aussage zu, dass junge Menschen bei politischen Entscheidungen ausreichend berücksichtigt werden. Demgegenüber vertreten 77 Prozent die Auffassung, dass ihre Interessen nicht genügend beachtet werden. Besonders der hohe Anteil derjenigen, die „überhaupt nicht“ zustimmen, verdeutlicht die wahrgenommene mangelnde politische Repräsentation junger Menschen.
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- Junge Männer bewerten alle abgefragten Aspekte der Generationengerechtigkeit pessimistischer als junge Frauen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den 16- bis 19-Jährigen, die die Zukunft insgesamt skeptischer einschätzen als die beiden älteren Altersgruppen. Deutliche Unterschiede bestehen zudem zwischen Ost- und Westdeutschland: Junge Menschen im Osten bewerten die Arbeitsmarktchancen der jungen Generation deutlich negativer.
- Junge Menschen mit niedriger oder mittlerer Bildung sowie einem niedrigen subjektiven Sozialstatus fühlen sich politisch weniger repräsentiert als ihre besser gestellten Altersgenossen. Auch ihre Zukunftserwartungen fallen pessimistischer aus: Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende schätzen ihre Arbeitsmarktchancen schlechter ein als Studierende und glauben seltener, später wohlhabender zu sein als ihre Eltern. Zudem fühlen sie sich politisch weniger berücksichtigt als junge Berufstätige.
- Junge Menschen, die der Linken oder der AfD nahestehen, blicken optimistischer auf ihre künftigen Arbeitsmarktchancen und ihren Wohlstand als Anhänger von SPD, CDU/CSU o-der Grünen. Beim erwarteten Wohlstand zeigen sie sich zudem zuversichtlicher als FDP-Anhänger. Auch junge Menschen mit einer Nähe zu den Grünen gehen häufiger als CDU/CSU-Anhänger davon aus, später einen höheren Wohlstand als ihre Eltern zu erreichen. Am stärksten politisch repräsentiert fühlen sich Anhänger der Linken und der Grünen. Ihr Gefühl, mit ihren Interessen in der Politik gehört zu werden, ist deutlich ausgeprägter als bei den Anhängern der übrigen Parteien.
Fazit sowie Bedeutung für Politik und Bildung
Zusammenfassend zeigt sich in den Ergebnissen ein klares Muster: Unter den drei Gerechtigkeitsprinzipien erfährt das Bedarfsprinzip die höchste Zustimmung, gefolgt vom Leistungsprinzip, während das Gleichheitsprinzip ambivalenter bewertet wird. Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach Unterstützung in belastenden Lebenslagen. Gleichzeitig wird Leistung mehrheitlich als gerechtigkeitsrelevant angesehen, während weitgehende Gleichheitsvorstellungen deutlich weniger Zustimmung finden. Insgesamt widersprechen die Befunde damit dem verbreiteten Klischee einer wenig leistungsorientierten jungen Generation. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass sich junge Menschen in einem Spannungsfeld zwischen sozialer Absicherung und Leistungsorientierung verorten, das auch für das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft charakteristisch ist.
Die Ergebnisse machen zudem deutliche Unterschiede zwischen sozialen und politischen Gruppen sichtbar. Diese zeigen sich sowohl in den bevorzugten Gerechtigkeitsvorstellungen als auch in der Bewertung der Generationengerechtigkeit, die insgesamt eher pessimistisch ausfällt. Vor allem die wahrgenommene mangelnde politische Berücksichtigung junger Menschen sticht dabei hervor.
„Die Unterschiede zwischen Bildungsgruppen sowie die zentrale Bedeutung soziodemografischer bzw. -ökonomischer Merkmale und politischer Orientierungen zeigen, dass Gerechtigkeitsvorstellungen nicht nur gesellschaftlich geprägt, sondern auch im Bildungsprozess geformt werden.“
Für die Politik deuten die Befunde darauf hin, dass junge Menschen kein einheitliches Gerechtigkeitsverständnis teilen, sondern unterschiedliche Prioritäten setzen, die stärker zwischen sozialer Absicherung, Leistungsorientierung und Gleichheit variieren. Zugleich verweist die verbreitete Skepsis gegenüber der eigenen zukünftigen gesellschaftlichen und politischen Stellung auf eine wahrgenommene Repräsentationslücke, die politische Entscheidungsprozesse stärker berücksichtigen sollten.
Auch für die Bildungspolitik ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Die Unterschiede zwischen Bildungsgruppen sowie die zentrale Bedeutung soziodemografischer bzw. sozioökonomischer Merkmale und politischer Orientierungen legen nahe, dass Gerechtigkeitsvorstellungen nicht nur gesellschaftlich geprägt sind, sondern auch im Bildungsprozess geformt werden. Bildungseinrichtungen können damit einen zentralen Beitrag leisten, unterschiedliche Gerechtigkeitsverständnisse zu reflektieren und ein Bewusstsein für gesellschaftliche Teilhabe und Generationenfragen zu fördern.
Dieser Beitrag ist veröffentlicht unter der Lizenz CC BY 4.0. Er ist digital auffindbar unter: DOI https://doi.org/10.46499/2784.4013
Literatur
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- Aprea, C., & Loerwald, D. (2026). Transformation im 21. Jahrhundert: Entwicklungen und Implikationen für die finanzielle und ökonomische Bildung. Forum für finanzielle und ökonomische Bildung, 1(1), 10–14.
- Aprea, C., Uhrig, J., Zillinger, S., Bürger, T., Breidenbrücker, T. & Suna, M. (2026). Young Economy Tracker: Junge Stimmen für eine gerechte Zukunft. Bertelsmann Stiftung. Online: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/young-economy-tracker-junge-stimmen-fuer-eine-gerechte-zukunft (abgerufen am: 22.05.2026).
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- Hillmert, S. (2024). Leistung, Leistungsgerechtigkeit und Meritokratie. In P. Böhnke & D. Konietzka (Hrsg.), Handbuch Sozialstrukturanalyse. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-39759-3_13
- Liebig, S., Hülle, S., & May, M. (2016). Principles of the just distribution of benefits and burdens: The “basic social justice orientations” scale for measuring order-related social justice attitudes (Working Paper No. 16/2016). Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie. Online: https://www.econstor.eu/bitstream/10419/137577/1/858197294.pdf (abgerufen am: 22.05.2026).
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- Traub, S., & Kittel, B. (2020). Need-Based Distributive Justice: An Interdisciplinary Perspective. Springer. Tremmel, J. (2024). Generationengerechtigkeit als Prinzip. Stimme der Familie, 71(4), 3–5.
Autorin
Prof. Dr. Carmela Aprea ist Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik – Design und Evaluation instruktionaler Systeme an der Universität Mannheim. Sie ist zudem Direktorin des Mannheim Institute for Financial Education (MIFE).
Autor
Jonathan Uhrig, M.Sc., ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik – Design und Evaluation instruktionaler Systeme der Universität Mannheim sowie am Mannheim Institute for Financial Education (MIFE).

