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Zwischen Wertneutralität und Werteentscheidung

Ein Gespräch mit Prof. Achim Wambach über Wissenschaft, Politikberatung und Ethik

Prof. Achim Wambach, PhD, ist Präsident des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Deutschen Ethikrats.

Foto Achim Wambach
© Foto: Anna Logue


forum: Sehr geehrter Herr Prof. Wambach, haben Sie herzlichen Dank, dass Sie sich für das Interview bereit erklärt haben. Sie haben zunächst Physik und Mathematik studiert und sich später der Volkswirtschaftslehre zugewandt. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen und wie prägt dieser interdisziplinäre Hintergrund Ihr ökonomisches Denken bis heute? 

Achim Wambach: Nach meiner Promotion in Physik an der Universität Oxford stellte sich die Forschungslage in meinem Fachgebiet, der Teilchenphysik, Anfang der 1990er-Jahre als schwierig dar: Der Bau des großen Teilchenbeschleunigers SSC in den USA wurde gestoppt, und am CERN liefen die Planungen für eine Erweiterung gerade erst an. Viele Kommilitonen sind damals ins Investmentbanking gewechselt. Und auch ich wollte testen, ob mich die Ökonomik genauso fesseln kann wie die Physik. Also habe ich ein Masterstudium an der London School of Economics begonnen. Und es war tatsächlich eine Art Erleuchtung. Fast jeden Tag kam so ein Moment: Ah, so betrachtet man das also! Plötzlich ging es nicht mehr um Elementarteilchen, sondern um Menschen, Märkte, Anreize, Regeln. Um Dinge, die sich direkt auf die Gesellschaft auswirken. Ich merkte schnell: Hier kann ich etwas über die reale Welt verstehen und vielleicht sogar etwas bewirken. Mein naturwissenschaftlicher Hintergrund prägt bis heute mein ökonomisches Denken. In der Ökonomik arbeiten wir auch mit Modellen und mit Wechselwirkungen, nur eben zwischen Anbietern und Nachfragern auf Märkten statt zwischen Atomen. In der Physik lernt man, pragmatisch mit Theorien umzugehen: Sie sind nützlich, solange sie die Welt gut beschreiben, aber sie sind keine Ideologie. Es gibt keine „Päpste“ in der Physik – und so sollte es auch in der Ökonomik sein.

Im Jahr 2024 wurden Sie in den Deutschen Ethikrat berufen. Welche Aufgaben hat der Deutsche Ethikrat – und was macht Ihre Arbeit aus? 

Der Deutsche Ethikrat befasst sich mit den ethischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und rechtlichen Herausforderungen, die sich aus Entwicklungen der Forschung für Individuen und die Gesellschaft ergeben. Der Rat begleitet diese Debatten, informiert die Öffentlichkeit, fördert den gesellschaftlichen Diskurs und erarbeitet Stellungnahmen, die Politik und Gesellschaft Orientierung geben sollen. Wir diskutieren nicht im Elfenbeinturm, sondern laden unterschiedliche Akteure ein, hören Sachverständige an und versuchen, komplexe Fragen so aufzubereiten, dass sie verstanden und diskutiert werden können. Als Ökonom geht es mir darum, ethische Überlegungen mit empirischen Befunden zu verbinden. Wie wirken Anreize in der Pflege? Welche Folgen haben bestimmte Regelungen für Betroffene, für Angehörige, für das System? Die Verhaltensökonomik zeigt, dass Menschen nicht immer rational handeln – das muss man bei der Gestaltung berücksichtigen.

„Mein naturwissenschaftlicher Hintergrund prägt bis heute mein ökonomisches Denken. In der Ökonomik arbeiten wir auch mit Modellen und mit Wechselwirkungen, nur eben zwischen Anbietern und Nachfragern auf Märkten statt zwischen Atomen.“

Wissenschaft folgt dem Ideal der Wertneutralität. Wie verträgt sich das mit dem Anspruch einer auch auf normative Empfehlungen hin ausgelegten Politikberatung?

Wertneutralität ist ein hehres Ideal, Objektivität und Nachvollziehbarkeit sind schon einmal gute erste Schritte. Aber Wissenschaft wird nun mal gebraucht, wenn politische Entscheidungen anstehen, und da geht es auch um Ziele und Werte. Das ist kein Widerspruch, solange man klar macht, wo die Wissenschaft endet und wo die politische Entscheidung beginnt. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es nicht, zu sagen: So muss es sein. Sondern: Wenn Sie dieses Ziel verfolgen, etwa mehr Effizienz, dann könnte dieses Instrument helfen und jene Wirkungen erbringen. Und das Darlegen von Alternativen gehört dazu. Die Entscheidung, was erstrebenswert ist, bleibt bei der Politik. Es wird allerdings problematisch, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter dem Deckmantel der Objektivität ihre eigenen Werte einbringen. Das verwischt die Grenze zwischen Erkenntnis und Stellungnahme und untergräbt die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Politikberatung. 

Sie sind mit Nils Goldschmidt zusammen die ersten beiden Ökonomen im Deutschen Ethikrat. Was ist die spezifische ökonomische Perspektive, die Sie dort einbringen? 

Als Ökonomen im Ethikrat bringen wir eine Denkweise mit, die oft fehlt: eine, die konkret nachfragt, was passiert, wenn man etwas beschließt. Ökonomik ist ein Werkzeug, um Wirkungen abzuschätzen. Wir schauen darauf, was eine Maßnahme kostet, was sie bringt und was man dadurch nicht machen kann – das sind die Opportunitätskosten. Dafür müssen häufig Daten zusammengestellt werden – auch eine Kernkompetenz der Ökonomen. Und wir achten darauf, welche unerwarteten Folgen entstehen. Denn Menschen reagieren auf Anreize oft anders, als man denkt. Wenn es um Gentechnik, KI oder Pflege geht, gibt es zum einen die ethischen Fragen. Aber ebenso wichtig ist die Frage: Wie lässt sich das überhaupt gestalten, damit es funktioniert? Da helfen Instrumente aus der Verhaltensökonomik oder aus dem Marktdesign. Es geht also darum, Regeln so zu setzen, dass sie praktikabel sind und die gewünschten Ziele auch erreichen. Denn gute Ethik muss auch durchsetzbar sein. 

In ethischen Diskursen müssen kontroverse Positionen ausgehandelt werden und es gibt kein klares ‚richtig‘ oder ‚falsch‘. Ist das nicht anstrengender als beispielsweise eine sachliche, ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse? 

Zweifellos ist der ethische Diskurs in vielerlei Hinsicht sehr anspruchsvoll. Aber auch die ökonomische Analyse erfordert, dass Argumente und Positionen abgewogen werden müssen. Nicht ohne Grund wünschte sich der US-Präsident Harry Truman einen einhändigen Ökonomen. Ihn störte, dass seine ökonomischen Berater keine klaren Handlungsvorschläge machten, sondern häufig sagten: „on the one hand… on the other hand“. Der besondere Anspruch im Ethikrat liegt in der Interdisziplinarität: Fachleute aus Ökonomie, Recht, Medizin und Philosophie bringen unterschiedliche Grundannahmen, Denkweisen und Begrifflichkeiten mit. Bevor debattiert werden kann, muss erst eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Diese Auseinandersetzung ist manchmal mühsam, aber sie entspricht der Realität, wenn es um komplexe Fragen geht. Und gerade das ist wertvoll: Die Debatte führt dazu, dass Problemstellungen aus vielen Perspektiven durchdacht werden.

ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim

Foto ZEW
© Anna Logue


Wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell besonders bedeutsame wirtschaftsethische Handlungsfelder? 

Zwei wirtschaftsethische Handlungsfelder halte ich derzeit für besonders wichtig. Zum einen ist dies die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung oder zumindest die verstärkte Wahrnehmung einer solchen Entwicklung, die nicht nur den sozialen Zusammenhalt schwächt, sondern auch die Legitimität wirtschaftlicher und politischer Institutionen untergräbt. Zweitens die Balance zwischen individueller Freiheit und Schutz vor dem Hintergrund neuer Technologien, etwa bei der Regulierung von Künstlicher Intelligenz (AI-Act) oder beim Datenschutz (DSGVO). Innovationen bringen Chancen, bergen aber zugleich Risiken für Autonomie oder Privatsphäre. Die Herausforderung ist, Regeln zu finden, die Schutz bieten, ohne Innovation und Wettbewerb zu ersticken.

„Ökonomik ist ein Werkzeug, um Wirkungen abzuschätzen. Wir schauen darauf, was eine Maßnahme kostet, was sie bringt und was man dadurch nicht machen kann – das sind die Opportunitätskosten.“

Wirtschaftliches Handeln vollzieht sich in modernen Gesellschaften zunehmend in anonymen Großgruppenkontexten. Wie lassen sich hier Werte und Moral implementieren? 

In anonymen Großgruppenkontexten kann Moral nicht durch persönliche Nähe oder direkte Kontrolle aufrechterhalten werden. Stattdessen muss sie systematisch implementiert werden, etwa durch Regeln und Strukturen sowie kulturelle Verankerung. Das ist das Feld der Ordnungstheorie und -politik. Auch Unternehmen können einen positiven Beitrag leisten: Reputation ist ein zentraler Hebel für moralisches Handeln. Unternehmen wissen, dass ihr langfristiger Erfolg auf Vertrauen beruht und dass Verstöße in der Lieferkette, beim Datenschutz oder in der Umweltbilanz zu Imageschäden, Boykotten oder regulatorischem Gegensteuern führen können. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenden sich ab, und Konsumenten und Investoren verstärken diesen Effekt: Durch den Kauf von Fairtrade- oder Bio-Produkten belohnen sie verantwortungsvolles Handeln; ESG-Kriterien lenken Kapital in nachhaltige Unternehmen. Moralische Wirkung entsteht daher auch durch Marktmechanismen, bei denen sich Vertrauen dann auch wirtschaftlich lohnt. Wertebildung wird im Bildungssystem von unterschiedlichen Fächern betrieben. 

Was sind aus Ihrer Sicht relevante Themenfelder für eine ethisch ausgerichtete finanzielle und ökonomische Bildung? 

Finanzielle und ökonomische Bildung sollte nicht nur reine Fachkompetenz vermitteln, sondern auch ethische Urteilsfähigkeit fördern. Das heißt konkret: Unterricht muss ökonomische Grundlagen mit Alltags- und Wertfragen verknüpfen, idealerweise in einem Fach. Wichtige Themen sind beispielsweise, wie Märkte und Preise funktionieren, wo Märkte versagen und externe Effekte auftreten, welche Rolle Institutionen und Eigentumsrechte spielen, wie Anreize und Opportunitätskosten Entscheidungen prägen oder welche Verteilungswirkungen Reformen haben. Finanzielle und ökonomische Bildung sollte nicht nur reine Fachkompetenz vermitteln, sondern auch ethische Urteilsfähigkeit fördern. Konkret kann das in der Schule durch diskursive und experimentelle Formate geschehen. Fragen wie „Sollte man Organe verkaufen dürfen?“ oder „Wie gerecht sind hohe CEO-Gehälter?“ verbinden ökonomische Mechanismen mit ethischen Prinzipien. Schülerinnen und Schüler sollen Werkzeuge bekommen, um Folgen abzuwägen und begründet Stellung zu beziehen.

„Ökonomik ist ein Werkzeug, um Wirkungen abzuschätzen. Wir schauen darauf, was eine Maßnahme kostet, was sie bringt und was man dadurch nicht machen kann – das sind die Opportunitätskosten.“

Welche ökonomischen Denkweisen halten Sie für junge Menschen mit Blick auf normative Fragestellungen für besonders bildungsrelevant?

Schülerinnen und Schüler sollten lernen, Fakten von Werturteilen zu trennen, also: Was ist eine beobachtbare Aussage und was ist eine politische Präferenz? Wichtig sind empirisches und kausales Denken, etwa zu erkennen, wann es nur eine Korrelation gibt und wann ein kausaler Effekt vorliegt. Dazu gehört auch ein Grundverständnis, wie ökonomische Methoden funktionieren, zum Beispiel Regressionsanalysen oder natürliche Experimente, und vor allem, wie Daten entstehen und welche Grenzen Studien haben. 

Dieser Beitrag ist digital auffindbar unter: DOI https://doi.org/10.46499/2784.4008